Stuttgarter U23-Dreierpack: Zwischen Meisterschaften & Reisestrapazen

Vier wichtige Meisterschaften in fünf Wochen – für Rosina Schneider (TV Sulz), Tizian Lauria (VfL Sindelfingen) und Nick Thumm (VfB Stuttgart) war der Sommer 2025 eine Achterbahnfahrt aus Erfolgen, Rückschlägen und unvergesslichen Erfahrungen. Zwischen U23-DM, U23-EM, Universiade und Deutschen Meisterschaften zeigte sich für die drei jungen Leichtathleten des Olympiastützpunkts Stuttgart, wie nahe Triumph und Enttäuschung im Spitzensport beisammen liegen – und wie aus einem Mix von verspäteten Fliegern, kräftezehrenden Wettkämpfen und verpassten Normen am Ende dennoch ein erfolgreicher Sommer wurde.

Autor:Lara Auchter

2. Oktober 2025

Ein Sommer im Ausnahmezustand

Für viele Athletinnen und Athleten ist schon ein einziger Höhepunkt pro Saison Herausforderung genug. Doch Rosina Schneider (100 Meter Hürden), Tizian Lauria (Kugelstoßen) und Nick Thumm (Speerwerfen) standen gleich bei vier Großereignissen im Stadion. „Das war mental extrem fordernd, denn kaum war ein Wettkampf vorbei, musste man den nächsten im Kopf schon vorbereiten“, erzählt Hürdensprinterin Rosina Schneider. „Es war eine Achterbahnfahrt – viel Reisen, viel Druck, aber auch unvergessliche Momente“. Die 20-Jährige gilt als eine der aufstrebenden Athletinnen ihrer Disziplin und sammelte in den vergangenen Monaten nicht nur wichtige Erfahrungen, sondern auch Top-Platzierungen.
Zwischen Erfolgen, Fehlern und Reisestrapazen

Den Auftakt der Wettkampfserie machten vom 4. bis 6. Juli die Deutschen U23-Meisterschaften in Ulm. Dort feierte Rosina Schneider einen knappen, aber wichtigen Sieg über die 100-Meter-Hürden. „Das war für mich ein Highlight, weil es gezeigt hat, dass ich in meiner Altersklasse vorne mitlaufen kann.“

Tizian Lauria bejubelt in Bergen mit Wikingerhelm seinen Titel bei der U23-EM. Fotos: Stefan Mayer

Auch für Kugelstoßer Tizian Lauria und Speerwerfer Nick Thumm starteten die intensiven Wochen mit jeweils einer Goldmedaille bei den Deutschen U23-Meisterschaften – die perfekte Basis für die kommenden Wettkämpfe.
Die U23-Europameisterschaften in Bergen (Norwegen) waren für die drei Sportler vom Olympiastützpunkt Stuttgart der wichtigste europäische Wettkampf der Saison. Zwischen dem 17. und 20. Juli maßen sich die besten europäischen U23-Athleten in 44 Wettbewerben – und für die drei Stuttgarter hätten die Meisterschaften nicht unterschiedlicher verlaufen können. Während Tizian Lauria als Titelverteidiger in den Ring ging, waren es für Rosina Schneider und den 21-jährigen Nick Thumm die ersten Europameisterschaften dieser Altersklasse.

Die U23-Europameisterschaften in Bergen (Norwegen) waren für die drei Sportler vom Olympiastützpunkt Stuttgart der wichtigste europäische Wettkampf der Saison. Zwischen dem 17. und 20. Juli maßen sich die besten europäischen U23-Athleten in 44 Wettbewerben – und für die drei Stuttgarter hätten die Meisterschaften nicht unterschiedlicher verlaufen können. Während Tizian Lauria als Titelverteidiger in den Ring ging, waren es für Rosina Schneider und den 21-jährigen Nick Thumm die ersten Europameisterschaften dieser Altersklasse.

„Für mich war die U23-EM der sportliche Höhepunkt in diesem Jahr und ich habe voll meinen Fokus daraufgesetzt, denn ich wollte unbedingt meinen Titel von 2023 verteidigen“, erzählt Tizian Lauria. „Ich habe es letztendlich auch geschafft und mit einer Weite von über 20 Metern wieder Gold geholt. Die Atmosphäre war echt der Wahnsinn, und es ist für mich jedesmal aufs Neue eine riesige Ehre, für Deutschland zu starten“, erinnert sich der 22-Jährige strahlend.

Nick Thumm holte bei allen vier Events eine Medaille.

Auch Nick Thumm hatte bei der EM einen erfolgreichen Wettkampf. Der Speerwerfer holte mit einer persönlichen Bestweite von 80,74 Meter die Silbermedaille – und zeigte sich durchaus glücklich über das Ergebnis. „Ich habe mich im kompletten Wettkampf schon wohlgefühlt und eigentlich gar keine Eingewöhnung benötigt. Im Finale habe ich dann „einen rausgezündet“, und der kam irgendwo bei 80 Metern runter. Mit persönlicher Bestweite zur Silbermedaille – das passiert auch nicht jeden Tag“, führt der Athlet des VfB Stuttgart aus.

Die Anreise nach Bergen lief für die beiden Werfer zuvor alles andere als glatt – was die Erfolge umso besonderer macht. „Mein Flug von Stuttgart hatte total Verspätung und ich hatte Glück, dass ich gerade noch so den Anschlussflug ab München bekommen habe – für viele andere hat es nicht gereicht“, berichtet Nick Thumm. Und auch bei Tizian Lauria wurde es knapper als ihm lieb war: „Ich bin von Berlin aus nach Bergen geflogen. Schon am Flughafen musste ich erstmal mit der Kugel im Rucksack vom letzten Gate zum ersten rennen. Dann wurde ich natürlich auch noch rausgezogen, da ich meine Trainingskugel im Handgepäck hatte – auf den Bildern der Flughafenkontrolle sieht diese anscheinend aus wie eine Handgranate (lacht). Da war schon sehr viel Überzeugungsarbeit nötig, damit ich doch noch in den Flieger einsteigen durfte“, schmunzelt der Athlet des VfL Sindelfingen.

Für Rosina Schneider lief die U23-Europameisterschaft nicht ganz nach Plan – anstatt einer Medaille „sammelte“ die Empfingerin eine Hürde ein und überquerte im Finale die Ziellinie als Achte. „Natürlich ist man enttäuscht, wenn man bei einem Großereignis einen solchen Fehler macht. Aber dennoch bin ich froh, diese Erfahrung gemacht zu haben, denn nur so kann man daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen“, reflektiert die 20-Jährige.

Universiade: Olympia-Feeling im Ruhrpott

Der vermeintlich größte Wettkampf des Sommers waren die FISU World University Games – auch als Universiade bekannt. Die weltweit besten Studentinnen und Studenten aus über 105 Nationen versammelten sich vom 16. bis 27. Juli in der Rhein-Ruhr-Region – ein Großereignis das sich sehen lassen konnte. „Die Universiade war mein persönliches Highlight und die bisher krasseste Erfahrung meiner Karriere“, berichtet Rosina Schneider begeistert. „Vielleicht nicht unbedingt, was das Sportliche angeht, aber auf jeden Fall das ganze drumherum. Die riesigen Essenshallen, das Athletendorf, die Topstars und sogar das Sammeln und Tauschen von Pins – es lag ein bisschen Olympiafeeling in der Luft“. Sportlich lief es solide, auch wenn die Läuferin des TV Sulz nach einem technischen Fehler den Einzug ins Finale verpasste. „Ich denke, da war die Belastung der letzten Wochen spürbar, sowohl körperlich als auch mental. Ich bin mit meiner Zeit von 13,27 Sekunden dennoch zufrieden und war nur bei der U23-DM schneller“, zieht die Sportwissenschaft-Studentin ihr Fazit.

Auch Tizian Lauria findet nur lobende Worte für das Großereignis – sieht seine Leistung beim Kugelstoß-Finale aber etwas kritischer: „Ich bin mit einer Weite von 19,66 Meter Fünfter geworden. An sich kann ich bei dieser Konkurrenz zufrieden sein, weiß aber auch, dass ich eigentlich mehr draufhabe.“

Nick Thumm hingegen setzte auch bei der Universiade seinen „Medaillenlauf“ fort und sicherte sich seine zweite Silbermedaille des Sommers. „Ich bin sehr zufrieden mit der Universiade. Für mich persönlich war sie der Höhepunkt dieses Sommers, einfach weil man so ein Großereignis mit dieser besonderen Stimmung nicht alle Tage erlebt“, sagt der Speerwerfer. „Ich bin auch froh, dass ich wieder abliefern konnte und mich weder von der Atmosphäre noch dem Reisestress und der körperlichen Belastung habe drausbringen lassen.“

Müde bei den Deutschen Meisterschaften

Schon in Bochum merkten die drei Nachwuchsstars ihrem Körper die Strapazen an. Doch der letzte große Wettkampf fehlte noch – die Deutschen Meisterschaften der Aktiven vom 31. Juli bis 3. August in Dresden. Für Rosina, Tizian und Nick der letzte große Wettkampf der Saison, und das nun endlich auch zusammen mit den „Großen“.

„Für mich waren es die bisher besten Deutschen Meisterschaften. Ich habe im ersten Stoß direkt einen rausgehauen und startete mit einem guten Gefühl in den Wettkampf. Die Stimmung war auch super und das Stadion war richtig voll. Nach ein paar Stößen war bei mir aber dann die Luft raus, ich habe die Belastung der vergangenen Wochen und Wettkämpfe gespürt. Es war dann einfach zu viel und ich habe gemerkt, mein Körper und auch mein Kopf wollen nicht mehr“, gibt Tizian Lauria zu. Dennoch hat es für den U23-Europameister zur Silbermedaille gereicht – ein gelungener Abschluss einer stressigen Zeit.

Diese anstrengenden Wochen merkte auch Rosina Schneider. Die Deutsche Hallenmeisterin von 2024 schaffte zwar den Sprung ins Finale, brachte dort aber nur die siebtschnellste Zeit über die 100-Meter-Hürden ins Ziel. „Es waren kräftezehrende Wochen und in Dresden war bei mir dann einfach die Luft raus. Da konnte ich auch echt nichts dagegen machen“, berichtet die Studentin. „Für mich war es trotzdem eine tolle Saison, auch wenn ich nicht immer das abrufen konnte, was ich eigentlich leisten kann. Ich habe viel gelernt und kann definitiv einiges für die Zukunft mitnehmen.“

Viel mitgenommen hat auch Nick Thumm: Der Tübinger räumte als einziger der drei bei allen vier Wettkämpfen eine Medaille ab – und komplettierte mit Bronze bei den Deutschen Meisterschaften seinen Medaillensatz. „In Dresden war die Stimmung wirklich der Hammer. Aber auch ich habe den Reisestress und die Belastung der letzten Wochen gemerkt. Vor allem mein Kopf war müde, und so musste ich schon alle meine Kräfte mobilisieren“, lässt auch er durchblicken. Dennoch setzt er ein positives Fazit hinter die Wettkämpfe: „Ich denke, ich kann sehr zufrieden sein mit meiner Saison. Ich habe einen riesigen Sprung gemacht, Bestleistung geworfen und überall eine Medaille mitgenommen. Nach einer verletzungsgeplagten letzten Saison war dieser Sommer wirklich der Lohn für die ganze harte Arbeit“.

Rosina Schneider bei den Deutschen Meisterschaften in Dresden.

Erholung und der Blick nach vorne

Die Meisterschafts-Serie war für alle drei mehr als nur sportliche Routine. Es ging darum, Erfahrungen zu sammeln, internationale Konkurrenz zu spüren – und sich selbst neu kennenzulernen. „Jeder Wettkampf ist wie ein kleiner Testlauf, nicht nur sportlich, sondern auch im Kopf. Du lernst, wie du mit Druck umgehst, wie du dich fokussierst. Und manchmal überraschst du dich selbst“, fasst Nick Thumm die Geschehnisse zusammen.

Für die kommenden Jahre haben sie sich ehrgeizige Ziele gesetzt: Haben alle drei die Qualifikation für die Weltmeisterschaften 2025 in Tokio nur knapp durch eine verpasste B-Norm oder zu wenige Weltranglistenpunkte verfehlt, wollen sie in den nächsten Jahren dort angreifen.

„Diese Wochen haben uns gezeigt, wie hoch das Niveau ist, wenn man international mithalten will“, fasst Rosina Schneider zusammen. „Aber wir haben trotzdem tolle Leistungen gezeigt, unser Bestes gegeben und gesehen: Wir gehören dorthin!“
Dorthin, das sind die ganz großen Meisterschaften des Sports – und die Olympischen Spiele 2028. Ein Ziel, auf das alle drei hinarbeiten werden und für das sie auch gerne verspätete Flieger, kräftezehrende Wettkämpfe und verpasste Normen in Kauf nehmen.