Binder Blaubären TSV Flacht: In der Volleyball-Bundesliga angekommen
In SPORT.S 12 hatten wir über die Geschichte eines „Gallischen Dorfs“ berichtet, dessen Volleyballerinnen sich innerhalb von drei Jahren von der Bezirksliga in die 1. Bundesliga katapultierten – dank einer Jahrhundertchance in Form einer Wildcard. Inzwischen sind die Binder Blaubären TSV Flacht in der harten Realität des deutschen Volleyball-Oberhauses angekommen.
Wir haben uns auf den Weg in die Heckengäusporthalle nach Weissach gemacht, um uns das kleine sportliche Wunder beim Heimspiel gegen den VfB Suhl selbst anzuschauen und waren erstaunt: Was dort mit lauter Ehrenamtlichen auf die Beine gestellt wird, sucht Seinesgleichen. Und obwohl das Team in den ersten Spielen keinen einzigen Satz gewinnen konnte, zünden die knapp 450 Fans in der regelmäßig ausverkauften Halle ein Feuerwerk ab – das muss man selbst erlebt haben. Gemeinsam mit Manager Michael Kaiser werfen wir einen Blick darauf, wie der Start in die Bundesliga für die Binder Blaubären gelaufen ist.

Autor:Lara Auchter
Das Bundesliga-Team der Binder Blaubären. Fotos: Nils Wüchner
Mut, Miteinander und ein bisschen Wahnsinn – die Binder Blaubären schreiben ihr Bundesliga-Märchen
Wenn man die Heckengäusporthalle II in Weissach an einem Bundesliga-Abend betritt, fällt zuerst dieses Gefühl auf: ein elektrisches Knistern, das in einem Dorf wie Flacht (Teilort von Weissach, Landkreis Böblingen) eigentlich gar nicht möglich sein dürfte. Menschen stehen dicht gedrängt, die Trommeln donnern, die Kids tragen blaue Schals, und Hallensprecher „Lemmi“ peitscht die Menge auch dann nach vorne, wenn das Scoreboard etwas anderes sagt. Die Binder Blaubären TSV Flacht spielen zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte in der 1. Volleyball-Bundesliga. Und wenn man Manager Michael Kaiser zuhört, versteht man schnell: Dieses Abenteuer ist ebenso eng mit Emotionen verbunden wie mit knallharter Arbeit.
„Manchmal muss ich mich kneifen – spielen wir wirklich gegen die?“
Michael Kaiser beschreibt den Alltag in der ersten Liga als „Drahtseilakt“, denn die Mannschaft arbeitet tagsüber ganz normal in ihren Berufen, kommt „abgestresst in die Halle“, während die Gegnerinnen „vormittags trainieren, ein Mittagsschläfle machen und dann 110% erholt in unsere Halle kommen“. Dieser Unterschied zeigt sich auch sportlich: bislang steht der TSV Flacht ohne Sieg da. Doch Frust? Fehlanzeige. „Wir wussten vorher, auf was wir uns einlassen und dass es in unserer ersten Saison schwer sein wird, überhaupt nur einen Satz zu gewinnen. Aber wir suchen nie nach Ausreden, sondern immer nach Lösungen.“
Der Teamspirit im jungen Team stimmt trotz der vielen Niederlagen.
Gegen Suhl, Wiesbaden, Münster oder Stuttgart konnten die Blaubären immer wieder überraschen und sich sogar Satzführungen erspielen, doch letztendlich waren die Gegnerinnen zu stark: „Als Laie betrachtet, sieht das teilweise gar nicht so schlecht aus und ab und zu legt die Mannschaft mal einen Run hin, aber dann packen die Profis halt nochmal eine Schippe drauf,“ resümiert Kaiser die bisherigen Spielverläufe. Er zuckt mit den Schultern, als er vom Moment erzählt, in dem Nationalspielerin Antonia Stautz für den MTV Stuttgart zum Aufschlag kommt und „mal kurz sieben, acht Bälle lang zeigt, wo der Barthel den Most holt. Da können wir einfach noch nicht mithalten.“
Trotzdem: Jeder gewonnene Punkt und jeder enge Satz wird gefeiert wie ein kleiner Sieg. Die Fans und auch die Sponsoren verstehen das, und das Team will es unbedingt zeigen. „Die Mannschaft reißt sich den Allerwertesten auf und es ist schade, dass bisher noch nichts Zählbares dabei rausgekommen ist, sie hätten es sich alle verdient. Aber wir sagen den Spielerinnen jedes Mal: Es ist alles in bester Ordnung und das ist der Weg, den wir gehen müssen. Die Fans haben das verinnerlicht und lassen dies unsere Mädels beim Spiel auch spüren.“
Ein Dorf lebt Bundesliga: Alle arbeiten mit
Wer beim Heimspiel dabei ist, spürt die besondere Atmosphäre sofort und erlebt etwas Beeindruckendes: Nicht die sportliche Überlegenheit eines etablierten Erstligisten, sondern die Macht des Ehrenamts.
Bei den Binder Blaubären arbeiten über 170 Helferinnen und Helfer, viele davon seit Jahren, manche seit Jahrzehnten. Sie räumen aufmerksam leere Teller im VIP-Bereich ab, schon bevor man sie überhaupt richtig abgestellt hat, schieben Hallenpodeste, verkaufen Fanartikel, bauen Banden auf, kümmern sich ums Ticketing, die Technik, und um die Bundesliga-Lizenz-Anträge – und das alles parallel zu ihren regulären Jobs. „Wir sind der beste Beleg, dass man auch ehrenamtlich sehr, sehr viel stemmen kann“, betont Michael Kaiser stolz.
Doch er weiß auch, dass dieses Modell an Grenzen stößt: „Irgendwann brauchst du jemanden auf der Geschäftsstelle und Hauptamtliche, die diesen Verein weitertragen.“
Dieser Schritt wird früher oder später kommen müssen. Doch er wird wohlüberlegt sein, denn die Blaubären setzen nicht auf Schnellschüsse, sondern auf Nachhaltigkeit.
Sponsoren, Partner, Netzwerk: Der stille Motor des Erfolgs
Der wirtschaftliche Unterbau ist für einen kleinen Verein wie den TSV Flacht entscheidend. Der Teammanager beschreibt den Prozess ehrlich: „Wir wollen keine Partner, die nur ein Jahr dabei sind. Das bringt uns nichts. Wir wollen langfristige Kooperationen, die uns mindestens ein paar Saisons unterstützen. Wir wollen uns die nächsten Jahre in der Bundesliga etablieren und nachhaltig erfolgreich sein, das geht nur mit den richtigen Partnern.“
Akquise passiert hier selten über Kaltkontakte. Stattdessen über Empfehlungen, über Netzwerke, und über Menschen, die einmal in der Halle waren und völlig baff hinausgingen.
„Nach einem Spiel kam ein Geschäftsführer und jetziger Sponsor auf mich zu und sagte zu mir: Ich wusste, dass ihr gut seid, aber das hier ist komplett geisteskrank. Das beschreibt unseren Verein finde ich ziemlich gut“, erinnert sich Michael Kaiser schmunzelnd.
Solche Aussagen tragen den Verein, bei jedem Heimspiel stehen neue potenzielle Partner in der Halle – und fast immer öffnen sich danach neue Türen.
Hinter den Kulissen: Was die Zuschauer nicht sehen…
Wo die Fans und potenzielle Partner nur das Spiel sehen, investieren die Binder Blaubären harte Arbeit. Der Bundesliga-Alltag besteht aus sehr viel Technik und Logistik – von Streaming über Kommentatoren- und Schiedsrichter-Logen bis Sicherheit, Kamerapositionen, Hallenumbauten und gegnerische Teams, die oft schon am Vortag anreisen und morgens noch trainieren wollen. Das alles muss organisiert, geplant und betreut werden.
„Vor der Saison war das eine Herkulesaufgabe und wir brauchen immer noch alle Hände, um jeden Spieltag erfolgreich und nach Regularien bestreiten zu können“, sagt Kaiser unter anderem über die technischen Voraussetzungen für die Bundesliga-Streams. Der TSV gab sogar freiwillig ein TV-Spiel auf Sport1 ab, weil Aufwand und Infrastruktur einfach nicht zu stemmen waren.
Doch auch ohne die ganz große TV-Präsenz ist die Weissacher Heckangäusporthalle zu jedem Heimspiel ausverkauft. „Die Stimmung hier ist unsere halbe Miete und zeigt uns jedes Mal, warum wir dieses Abenteuer erste Bundesliga gewagt haben“, so Michael Kaiser.
Die Tribüne oberhalb des Spielfeldes ist bei jeder Partie proppenvoll. Die Halle fasst offiziell 433 Zuschauer.
Und vielleicht ist es das, was Flacht am stärksten definiert: Nicht die Siege, die Stars oder die Streamingzahlen – sondern die Atmosphäre. Der Hallensprecher, der DJ, die Trommler und Stimmungsmacher, die Nähe zwischen Spielern und Fans, das familiäre Erlebnis und der kleine VIP-Raum, der eigentlich zu klein ist – aber genau deshalb so besonders wirkt.
Michael Kaiser schätzt und liebt diese Authentizität: „Ich habe lieber eine Halle mit unter 500 Plätzen, die jedes Spiel proppenvoll ist, als eine große, die wir nicht vollkriegen, die die Stimmung schluckt und nur Geld frisst.“ Und die Blaubären werden auch nie ein Verein mit Tausenden von Zuschauern werden müssen. Nicht hier in Flacht, im Heckengäu. Das würde nicht zur Ehrlichkeit und Authentizität, zur besonderen Atmosphäre und Familiarität passen – und das ist auch gut so.
Der Blick nach vorne: Geduld, Struktur, Wachstum
In Gesprächen hört man es überall heraus: Flacht sieht dieses erste Bundesliga-Jahr nicht als sportlichen Überlebenskampf, sondern als strategische Aufbauphase. Dass der Verein in den ersten zwei Jahren nicht absteigen kann, ist ein Geschenk. Eines, das Flacht nutzen will.
„Wir wollen in spätestens zwei Jahren eine andere Rolle spielen und uns im Mittelfeld etabliert haben“, erläutert Michael Kaiser und ergänzt hoffnungsvoll: „Bis dahin haben wir vielleicht die ersten Siegesserien und schon das eine oder andere Team überraschen können. Ich glaube daran, dass wir es schaffen können.“
Doch bis dahin geht es um die Entwicklung des kompletten Vereins, der jungen Spielerinnen, der Sponsorenlandschaft und der Strukturen in der Halle und darüber hinaus – und um jeden Menschen, der hier hilft, trägt und unterstützt.
Ein Bundesliga-Märchen, das erst begonnen hat
Die Binder Blaubären sind keine typische Bundesliga-Mannschaft. Sie sind ein Dorfverein, der durch Leidenschaft, Realismus und Zusammenhalt geschafft hat, wovon viele nur träumen. Die Ergebnisse mögen zwar noch nicht stimmen – aber dafür alles andere, was eine Gemeinschaft und ein erfolgreiches Konzept ausmacht. Und das spürt man in jeder Faser dieses Vereins.
„Wir loben uns nicht selbst. Das dürfen andere machen. Aber wenn man in diese Halle kommt, diesen Zusammenhalt und diese Stimmung sieht, dann weiß man, der Weg lohnt sich“, fasst Michael Kaiser zusammen und sagt dadurch alles aus, was die Binder Blaubären TSV Flacht ausmacht.