Ein Märchen mit Happy End – Stuttgart Surge schreibt Geschichte

Es war einmal eine American-Football-Franchise, die alle ihre Spiele verlor. Im Jahr 2022 trug es sich zu, dass ein dunkler Fluch mit zwölf Niederlagen in zwölf Spielen auf den Stuttgart Surge lastete. Doch wie in jedem Märchen fand sich ein Weg aus der Finsternis. 2023 erhoben sich die tapferen Ritter und stürmten bis ins große Finale der European League of Football – doch die Krone blieb ihnen verwehrt. 2024 griffen sie erneut nach Ruhm und Ehre, scheiterten jedoch im Halbfinale.

Und dann kam der 7. September 2025: Vor 36.784 Zeugen in der heimischen MHPArena bezwangen die Surge die gefürchteten Wikinger aus Wien mit 24:17 – und das Märchen wurde wahr. Der Held dieser Nacht? Kein Königssohn, kein Zauberer, sondern ein Local Hero: Louis Geyer, zum MVP (wertvollster Spieler) gekrönt, führte mit drei Touchdowns sein Volk zum Happy End und erfüllte den großen Traum der Surge-Community. Wir waren beim Championship Game im Stadion dabei und berichten hier von diesem großen Tag.

Autor:Lara Auchter

2. Oktober 2025
Surge-Spektakel vor über 36.000 Zuschauern. Fotos: Thomas Kircher
36.784 Zuschauer können ganz schön einschüchternd sein. Vor allem, wenn man, wie die Mannschaft von Stuttgart Surge, eigentlich eine Kulisse mit gerade mal einem Zehntel davon gewohnt ist. Verständlich, dass das Team um Quarterback Reilly Hennessey übernervös in das Championship Game „flatterte“ und sich von den gegnerischen Vienna Vikings von Beginn an den Schneid abkaufen ließ.
Erst drei Minuten vor dem Ende des ersten Quarters kam das Auswärtsteam, 0:10 zurückliegend, erstmals in die gegnerische Hälfte – und war durch den ersten Touchdown des Remseckers Louis Geyer direkt erfolgreich.

Moment mal: das Auswärtsteam? Richtig, Stuttgart war in diesem von der Liga veranstalteten „Finale dahoim“ auf dem Papier das Auswärtsteam – auch wenn dies natürlich durch ein Stadion voller schwarz-gelb gekleideter Surge-Fans ad absurdum geführt wurde. Überhaupt war an diesem Tag alles auf das Team von Erfolgscoach Jordan Neuman ausgerichtet – wären da nicht die Wiener als Spielverderber dabei gewesen, die die Partie bis zur Halftime klar dominierten.

„Dass die Jungs dann in der zweiten Hälfte so zurückgekommen sind, war Jordans Verdienst, der in der Kabine die richtigen Worte gefunden hat“, berichtet Surge-Manager Suni Musa. „Danach hat das Team dann sein wahres Gesicht und vor allem ganz viel Moral gezeigt.“

„Nach der Halftime haben wir es nicht mehr geschafft, die Stuttgarter Defensive Line in den Griff zu bekommen“, gab Vikings-Coach Chris Calaycay später zerknirscht zu. „Dass wir in der zweiten Hälfte nicht mehr scoren konnten, war spielentscheidend. Mir tun natürlich meine Jungs leid. Sie gehen arbeiten, studieren oder besuchen noch die Schule und geben das ganze Jahr alles für den Erfolg. Wenn man dann fast schon eine Hand am Cup dran hat und noch verliert, ist das kein gutes Gefühl.“

Moritz Schreiber nach dem Titelgewinn seiner Stuttgart Surge in der ELF.

Doch nicht nur die D-Line, auch die Stuttgarter „Auswärtsfans“ hatten einen großen Anteil am Sieg der Surge. Zusätzlich angestachelt von den Akteuren am Spielfeldrand, trugen sie die Spieler auf einer Woge der Begeisterung in Richtung Endzone. Mit ohrenbetäubenden Pfiffen schüchterten sie die Vikings so ein, dass das Momentum bis zum Ende der 4 x 15 Minuten auf der Seite der Lokalmatadoren blieb.

Bevor der 24:17-Sieg jedoch vollends eingetütet war, musste die Surge-Community noch eine unglaublich spannende Schlussphase über sich ergehen lassen. „Wie lange können bitte 51 Sekunden sein?“, fragte sich nicht nur der Verfasser dieser Zeilen. Von der eigenen 28-Yards-Line startete Vikings-Quarterback Ben Holmes in diesen verbleibenden Sekunden nicht weniger als sechs Pässe und einen Run in Richtung Surge-Endzone, und die Wiener wären vier Sekunden vor dem Ende nach einem Pass auf Reece Horn fast noch erfolgreich gewesen. Jedoch nur fast, denn für einen weiteren Spielzug reichte die Zeit nicht mehr und die MHPArena brach in grenzenlosen Jubel aus.

„Das ist der mit Abstand schönste Moment meiner Karriere“, schwärmte Wide Receiver Lous Geyer bei der anschließenden Pressekonferenz. Mit seinen drei Touchdowns zeichnete der 24-Jährige allein für 18 der 24 Surge-Punkte verantwortlich – eine Bilanz, die ihm trotz der 232 Passing Yards von Quarterback Reilly Hennessey und der starken Defensivarbeit von Luca Siebert & Co. die Auszeichnung als MVP einbrachte.

Bescheiden spielte Louis Geyer die Trophäe für seinen eigene überragende Leistung herunter und sagte: „Ich muss eigentlich nur an der richtigen Stelle stehen und den Ball fangen – und habe das heute nicht anders gemacht als sonst auch. Die eigentliche Arbeit, dass der Ball zu mir kommt und ich ihn in die Endzone tragen kann, machen viele andere. Die MVP-Trophy gehört eigentlich unserer D-Line, die in dieser Saison Spiel für Spiel überragend abgeliefert und heute den Grundstein für den Sieg gelegt hat.“

Eine der größten Hürden auf dem Weg zum gewinn des ELF-Titels lag abseits des Spielfelds, wie Louis Geyer und Jordan Neuman unisono berichten. „Seit eine Woche nach dem Saisonstart angekündigt worden war, dass das diesjährige Finale in Stuttgart stattfinden würde, wurde ich in jedem Interview gefragt, was es mir bedeutet, dass wir das Finale zuhause spielen könnten“, schüttelt Jordan Neuman den Kopf. „Irgendwann habe ich dann beschlossen, diese Frage im Keim zu ersticken und darauf hinzuweisen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass wir überhaupt erstmal die Playoffs erreichen.“

Ende gut, alles gut. Die Surge haben nicht nur mit einem 10:2-Record (10 Siege, 2 Niederlagen) die Playoffs erreicht, sie sind mit einem 41:17 gegen die Madrid Bravos und einem 27:13 gegen die Munich Ravens ins Finale gestürmt und haben das begehrte „Silberne Ei“ gewonnen.

„Ganz ehrlich, vor der Saison hätte ich das nicht unbedingt erwartet“, lacht Suni Musa. „Wir hatten bei der Zusammenstellung des Kaders das Thema Wirtschaftlichkeit mehr im Auge als in den beiden Vorjahren, weshalb wir eher mit einem Übergangsjahr gerechnet hatten“, so der General Manager der Surge weiter. „Aber wir haben mit Jordan Neuman einen Coach mit einer absoluten Gewinnermentalität, der gar nicht anders kann als erfolgreich zu sein und ein homogenes Team zusammenzustellen.“

Der Weg von Stuttgart Surge von der Gründung im Jahr 2021 bis zum Titelgewinn in der ELF war lang. Nachdem in der Premierensaison zwei von zwölf Spielen gewonnen werden konnten, lag die Surge nach einer sieglosen Saison 2022 quasi am Boden.

Der Aufschwung erfolgte mit der Verpflichtung von Erfolgstrainer Jordan Neuman, der 2022 noch die Schwäbisch Hall Unicorns zum Meistertitel der German Football League (Bundesliga) gecoacht hatte. Neuman kam nicht alleine in die Landeshauptstadt. Er brachte Quarterback Reilly Hennessey aus Schwäbisch Hall mit, holte Louis Geyer aus Köln zurück und wurde zum Magneten für talentierte Spieler aus ganz Europa.

Mit zehn Siegen in der Hauptrunde und Erfolgen gegen die Wroczlaw Panthers und die Vienna Vikings marschierte das umgekrempelte Neuman-Team 2023 direkt ins Finale, wo es gegen Rhein Fire mit 34:53 unterlag. 2024 endete der Weg dann – erneut gegen Rhein Fire – im Halbfinale. Und nun ist er da, der heiß ersehnte Titel.

Inzwischen ist klar, dass der erste Titelgewinn der Stuttgart Surge in der European League of Football auch der letzte sein wird. Denn nur zwei Tage nach dem Finale wurde bekannt, dass mit Rhein Fire, Paris Musketeers, Madrid Bravos, Vienna Vikings, Tirol Raiders, Frankfurt Galaxy, Wroclaw Panthers, Prague Lions, Nordic Storm, Berlin Thunder und Stuttgart Surge gleich elf Teams der Liga den Rücken kehren.

Drei Gesichter des Erfolgs bei der Pressekonferenz nach dem Finale (von links): Headcoach Jordan Neuman, Quarterback Reilly Hennessey und Wide Receiver Louis Geyer
Diese elf Franchises schlossen sich der im Juli gegründeten „Konkurrenz-Vereinigung“ European Football Alliance (EFA) an, die nach Streitigkeiten mit der Ligaleitung eine neue europäische Football-Profiliga installieren werden. In einer gemeinsamen Pressemitteilung der Vereine hieß es am 9. September 2025: „Die finanzielle Instabilität, mangelnde Transparenz und die Vertragsverletzungen der ELF werden als unvereinbar mit der Vision der EFA von einer Liga angesehen, in der die Teams echte Partner sowohl in der Führung als auch in der Aufteilung der Einnahmen sind. Die Alliance betont, dass die europäischen Fans, Spieler und Trainer und Investoren eine Struktur verdienen, die Integrität, Transparenz und Nachhaltigkeit gewährleistet. An alle Fans, Sponsoren und Investoren: Seien Sie versichert, dass auch 2026 wieder Profi-Football gespielt wird.“

So nachvollziehbar dieser Schritt ist, so ungeschickt wurde der Zeitpunkt dafür gewählt. Der Titelgewinn von Stuttgart Surge hätte es verdient gehabt, dass Sport-Deutschland zumindest noch eine Woche länger von dem fantastischen Event in der MHPArena schwärmen kann, ehe andere Schlagzeilen in den Fokus rücken.