MTV Basketball Akademie: Nachwuchskonzept für Mädchen

Die 1. Mannschaft des MTV Stuttgart. Foto: Justas Sirtautas | MTV Stuttgart Basketball

Wer die Trainingshalle des MTV Stuttgart im dicht bebauten Stuttgarter Westen betritt, spürt sofort: Hier wächst etwas heran. Mädchen und junge Frauen dribbeln, sprinten, verteidigen – viele von ihnen gehören zu den talentiertesten Nachwuchsspielerinnen Baden-Württembergs. Was vor rund zehn Jahren in der Basketball-Abteilung des MTV kaum mehr als eine Regionalligamannschaft und eine Handvoll Jugendspielerinnen war, hat sich inzwischen zu einem der größten Mädchenbasketball-Programme Deutschlands entwickelt. Wir haben die MTV Basketball-Akademie beim Training in der FEG Turnhalle besucht und uns mit Teammanager Olaf Müller und Spielerin Joanna Scheu unterhalten.

Autor:Lara Auchter

16. Dezember 2025

„Wir haben mittlerweile knapp 400 Kinder und Jugendliche“, sagt Teammanager Olaf Müller, der die Entwicklung der Abteilung maßgeblich geprägt hat. „Und rund 40 Prozent davon sind Mädchen. Vor zehn Jahren waren wir mit wesentlich weniger Kindern noch bei zehn Prozent.“ Mit der U18 in der Bundesliga, der U16 in der Jugendbundesliga und der Frauenmannschaft in der 2. Bundesliga ist der Verein in allen relevanten Leistungsligen vertreten. Ein Weg, der viel Arbeit, Mut und vor allem Vision erfordert hat.

Der Wendepunkt kam vor fünf Jahren. Damals öffnete die Liga einen Sonderweg für den Aufstieg eines Regionalligisten in die 2. Bundesliga. Für den MTV war dies die Chance, vieles neu zu denken: „Wir haben damals gesagt, lasst uns eine Mädchen-Basketball-Akademie aufbauen. Lasst uns das hauptamtlich und professionell machen“, erinnert sich der Teamverantwortliche. Der Verein holte mit Cyril DaSilva einen sportlichen Leiter und Cheftrainer, der nicht nur ein klares Talentekonzept und eine moderne Spielphilosophie mitbrachte, sondern wortwörtlich von morgens bis abends in der Halle steht. „Er hat den Basketball beim MTV komplett umgedreht und den Aufbau der Teams maßgeblich mitgestaltet“, so Müller. Der Fokus lag sofort auf Nachwuchs, Intensität und Kontinuität – statt auf kurzfristigem Erfolg.

Der Verein entschied sich, konsequent auf eigene Talente zu setzen, statt auf teure externe Verstärkungen. Dementsprechend lehrreich waren die Anfangsjahre. „Die erste Zweitliga-Saison? Grauenhaft“, schmunzelt Olaf Müller rückblickend. „Es war ein Sprung von Hobby-Regionalliga in den Profibereich. 40 Minuten Vollgas – das kannten viele nicht. Außerdem waren wir, und sind es immer noch, eine junge Mannschaft, die einfach etwas länger braucht, um sich zu akklimatisieren.“ Doch der MTV gab nicht auf: die Strukturen wurden geschärft, die Trainingsphilosophie gefestigt und das Jugendkonzept erweitert.

Drei wichtige Faktoren der MTV Akademie (von links): Enrico Laue (Assistant Coach), Olaf Müller (Teammanager), Cyril DaSilva (Headcoach)

Heute ist die Durchgängigkeit zwischen Nachwuchs und Damenbereich so hoch wie bei kaum einem anderen Verein der Liga. Vier Spielerinnen aus der U18 trainieren fest im Zweitligateam, dazu rücken drei bis vier U16-Talente regelmäßig nach. „Sie sollen in jedem Training gefordert sein“, erklärt Olaf Müller. „Nur so werden sie besser.“ Der aktuelle Saisonstart mit drei Siegen aus sieben Spielen schmeckt dem Verein weniger, als die reinen Zahlen vermuten lassen. „Wenn es ein bisschen besser läuft, stehen wir bei sechs zu eins“, meint der Teammanager und zuckt die Schultern. Dass die Gegnerinnen körperlich oft überlegen sind, vor allem auf den großen Positionen, ist aus seiner Sicht normal. „Erfahrung kommt mit der Zeit und wir sind auf einem guten Weg.“

Dass dieses Projekt funktioniert, liegt auch daran, dass der MTV einen Partner gefunden hat, der bereit war, langfristig zu investieren. Der Namenssponsor „Lou‘s Event Catering“ wurde zum wichtigsten Anker der Abteilung. „Er wollte unbedingt etwas im Basketball machen“, erzählt Müller. „Und er fand, dass Stuttgart nur Fußball atmet, und wollte etwas Eigenes unterstützen.“ Die Verbindung kam durch ein Crowdfunding-Projekt der Grundschulliga zustande – ein Zufall, der für den MTV zum Glücksfall wurde.

Der Hauptverein MTV Stuttgart steuert weiterhin etwa vierzig Prozent des Budgets sowie Struktur, Verwaltung und Infrastruktur bei. „Alles, was wir nicht selbst zahlen müssen, ist ein riesiger Vorteil.“ Trotzdem wollen die Basketballakademie und das Frauenteam in Zukunft auf eigenen Beinen stehen, doch dafür braucht das Projekt weitere Partner: „Um langfristigen Erfolg zu erleben, brauchen wir Partner, die unser Projekt auch mal über mehrere Jahre begleiten. Nur so kann man Nachhaltigkeit schaffen. Unser nächster Schritt wird die Erstellung eines umfangreichen Sponsoringkonzeptes sein, denn ich bin der Überzeugung, der MTV Basketball kann Menschen mitziehen und Partner begeistern.“ Auch das Thema Hallenzeiten bleibt ein Dauerkampf, wie der Basketball-Verantwortliche klarstellt: „Wir könnten doppelt so viele Kinder aufnehmen. Aber uns fehlen einfach die Hallen.“

In der Talententwicklung hat der Verein in den vergangenen Jahren enorme Sprünge gemacht. Gesichtet wird mittlerweile in ganz Stuttgart, wobei auch Spielerinnen aus Ulm und den umliegenden Kreisen beim MTV aktiv sind. Und immer mehr MTV-Spielerinnen schaffen den Schritt in höhere Ligen. Das bekannteste Beispiel ist Anastasia Schlipf, die mit 14 Jahren beim MTV begann, die Akademie durchlaufen hat und vergangene Saison bis zu 30 Minuten in der 2. Bundesliga spielte. Heute steht sie im Kader des Erstligisten Rutronik Stars Keltern, spielt EuroCup und ist mit Keltern sogar deutsche Meisterin geworden. „Sie ist unser Vorbild“, sagt Müller stolz. „Sie zeigt den Mädels, dass dieser Weg funktionieren kann, und ist der beste Beweis dafür, dass unser Konzept erfolgreich ist.“

Auch die jetzige Führungsspielerin des Teams zeigt, dass die MTV Basketball-Akademie ihre Früchte trägt. Joanna Scheu (Foto auf der Titelseite dieser Ausgabe) ist mit ihren 20 Jahren schon eine feste Säule des Zweitliga-Kaders und spielte in diesem Sommer für Deutschland bei der U20-Europameisterschaft. „Ich spiele Basketball seit ich neun Jahre alt bin und habe hier alle Jugendteams durchlaufen. Schon mit 16 Jahren habe ich meine ersten Minuten in der zweiten Liga gemacht und durfte die letzten Jahre trotz meines jungen Alters immer mehr Verantwortung übernehmen“, erzählt die Duale Studentin aus Weil der Stadt im Landkreis Böblingen. „Dass man uns jungen Spielerinnen so viel Verantwortung gibt, macht den MTV besonders. Das ganze Konzept und die Förderung für uns Mädels hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin.“

Eigengewächs Joanna Scheu hat sich zur Zweitliga-Führungsspielerin entwickelt.

Die Philosophie des Vereins ist klar: Breitensport bis U12 und Leistung ab U14. Während die Kinder im Grundschulalter vor allem spielen, rennen und ausprobieren sollen, zieht der Anspruch ab der U16 merklich an. „Wir fahren in der Akademie im jungen Alter zweigleisig und machen in der U14 bewusst keine harte Leistungsselektion“, erklärt Müller. Im Leistungsbereich ab der U16 geht es dann darum, gegen die besten Teams des Landes zu bestehen, sich auf Zweitliga-Niveau vorzubereiten und viel Spielzeit zu bekommen. „Wenn du mit 16 nicht im erweiterten Damenkader bist, wird es schwer. Wir wollen es den Talenten aber durch die Akademie so leicht wie möglich machen“, sagt Olaf Müller offen. Die intensive Verzahnung von Jugend und Damen sei deshalb kein Zufall, sondern Notwendigkeit.

Auch sportlich verfolgt der MTV einen langfristigen Plan. Die 2. Bundesliga soll stabil gehalten werden, gleichzeitig soll die U18 dauerhaft zu den Top Acht in Deutschland gehören und die U16 möchte um die Baden-Württembergische Meisterschaft spielen. Doch der große Traum bleibt ein anderer: der Aufstieg in die 1. Bundesliga. „Dafür brauchst du jedoch ein Budget von über 300.000 Euro“, weiß Olaf Müller. „Das ist Faktor fünf im Vergleich zu jetzt.“ Realistisch sei das derzeit nicht – aber unmöglich auch nicht.

Während der MTV an Strukturen arbeitet, wächst gleichzeitig die Begeisterung rund um die Heimspiele. Olaf Müller möchte, dass die Spiele der Zweitliga-Frauen ein fester Bestandteil der Stuttgarter Wochenendkultur werden. „Die Leute sollen irgendwann sagen, um fünf gehe ich zum MTV-Spiel, genauso wie sie sonst zum Fußball gehen würden.“ Schneller Basketball, harte Defense, viele Eigengewächse und eine gute Atmosphäre – das ist genau die Mischung, die er nachhaltig etablieren will, und die Mischung, die die Leute in die Halle lockt.

Was heute in der Halle zu sehen ist, wirkt wie ein Standort im Aufbruch. Ein Ort, an dem Mädchen und junge Frauen Basketball auf hohem Niveau spielen können, ohne Stuttgart verlassen zu müssen. Ein Programm, das Professionalität schafft, ohne seine Wurzeln und Talente zu verlieren. „Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen“, sagt der Teammanager zum Abschied. „Aber wenn ich in die Halle schaue, dann weiß ich: Wir haben etwas gestartet, das richtig groß werden kann.“