Randsportradar von Beyond Sports: Fahrradtrial
Springen, balancieren, millimetergenau landen – beim Fahrradtrial entscheidet absolute Körperbeherrschung über Triumph oder Fehltritt. Fahrradtrial ist eine hochpräzise Sportart mit eigenen Regeln, Wettkämpfen und einer dynamischen Szene, die seit Jahrzehnten mit beeindruckender Technik über Hindernisse tänzelt. In unserer Rubrik „Randsportradar“ nehmen Dani und Olli vom Podcast „Beyond Sports“ dieses faszinierende Nischensport-Highlight unter die Lupe.
Zu Gast war niemand Geringeres als Nina Reichenbach – sechsmalige Weltmeisterin, zweifache Europameisterin und eine der prägendsten Figuren des modernen Fahrradtrials. Sie erzählt, wie sie ihren Sport perfektioniert, welche Skills und Einstellungen auf dem Bike den Unterschied machen und wie es ist, sich in einer männerdominierten Szene durchzusetzen. Außerdem spricht sie darüber, was sie trotz all ihrer Titel weiterhin antreibt und welche Herausforderungen sie noch reizen.

Autor:Lara Auchter
Wer mit einem Trial-Bike auf einen meterhohen Felsen springt, braucht mehr als Technik und Balance – es braucht Mut, Neugier und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Für Nina Reichenbach ist dieser Zugang zum Sport fast schon Lebensphilosophie. „Never try, never know“, sagt sie. Ein Motto, das sie von klein auf begleitet. Es beschreibt nicht nur ihren sportlichen Weg, sondern auch die Essenz des Fahrradtrials selbst: Man muss es ausprobieren, um zu begreifen, wie viel Faszination und Herausforderung darin steckt. Dabei sah es für Nina zunächst nicht danach aus, dass sie einmal zu den prägendsten Athletinnen ihrer Sportart gehören würde. Als sie mit acht Jahren erstmals ein Trial-Bike ausprobierte, war es ein Zufall. „Durch einen Klassenkameraden bin ich aufs Fahrradtrial gekommen – da war ich acht Jahre alt. Ich habe sofort gemerkt, dass es ein Match war, und ich habe meinen Sport lange gesucht und ihn dann im Fahrradtrial gefunden.“ Dass dieser Moment ihr Leben verändern würde, ahnte sie damals nicht. Doch die Begeisterung war sofort da – und sie ist bis heute geblieben.
Aber was genau macht den Reiz dieses Sports aus? Nina erklärt es in einem Satz: „Trial ist im Endeffekt wie Parkour nur mit dem Fahrrad.“ Die Athlet:innen bewegen sich auf einem speziellen Bike ohne Gangschaltung, ohne Sattel, ohne Federung – ein minimalistisch reduziertes Bike, das Präzision ermöglicht. Damit springen sie über Steine, Baumstämme, Betonblöcke, immer mit dem Ziel, eine Sektion möglichst fehlerfrei zu durchfahren.
Jede Sektion muss in einer festgelegten Zeit durchfahren werden, ohne den Boden oder die Hindernisse mit Füßen oder Körperteilen zu berühren. Das Ziel: so sauber wie möglich, also mit möglichst wenigen Fehlerpunkten, durchkommen. „Unsere Hindernisse bei den Damen sind mit pinken Pfeilen von 1-6 markiert. Es gibt nach jedem Hindernis einen Checkpoint – und fehlerfrei waren wir dann, wenn nur die Reifen das Hindernis berührt haben“, erklärt Nina. Null Fehlerpunkte entsprechen somit einer perfekten Fahrt. Einen Fehlerpunkt gibt es für kleine Berührungen, etwa wenn kurz der Fuß an der Wand streift oder das Bike minimal das Gleichgewicht verliert. Fünf Fehlerpunkte gibt es, wenn der Fuß den Boden berührt, das Rad rückwärts rollt, das Bike außerhalb der Sektion landet oder die Zeit überschritten wird. Beim Überwinden der Hindernisse kann die Trial-Passionistin kaum in schwer und leicht unterteilen, denn sie betont, dass es oft ein „wilder Mix“ ist und jeder Parkour auf seine Art und Weise besonders ist und verschiedene Techniken erfordert. Am Ende gewinnt, wer über alle Sektionen hinweg die wenigsten Fehlerpunkte sammelt.
Foto: Trialsport
Mit den Jahren wurde Nina nicht nur zur erfolgreichsten deutschen Trial-Athletin, sondern zu einer, die das Frauenfeld international verändert hat. „Ich würde schon sagen, dass ich die Frauen-Trial-Szene mitgeprägt habe. Als ich angefangen habe, waren wir zehn Frauen im Weltcup, jetzt sind es an die 30 Starterinnen und das Level hat sich extrem weiterentwickelt.“ Was heute selbstverständlich wirkt, hat sie aktiv mitgestaltet: mehr Sichtbarkeit, höhere Leistungsdichte, wachsendes Interesse. Dass sie dabei einen bedeutenden Anteil hatte, erfüllt sie mit Stolz: „Es ist richtig cool, bei der Entwicklung dabei gewesen zu sein und einen erheblichen Teil dazu beigetragen zu haben.“
Nina Reichenbach ist sechsmalige Weltmeisterin, zweifache Europameisterin, neunfache Deutsche Meisterin – eine Bilanz, die beeindruckt. Ihr erster WM-Titel war ein emotionaler Höhepunkt: „Ich durfte dann auch das Regenbogentrikot tragen. Das gibt extra Power und Motivation.“ Dass sie ihre letzten beiden WM-Titel 2022 und 2023 härter erkämpfen musste als je zuvor, lässt sie diese Erfolge heute umso mehr schätzen. „Die Konkurrenz ist deutlich größer geworden und für meine letzten beiden WM-Titel musste ich wirklich kämpfen, weswegen ich es auch noch mehr wertschätze.“
Heute blickt Nina anders auf ihren Sport. „Früher war ich voll im Gewinnermodus – jetzt möchte ich eher den Sport vorantreiben und ein Vorbild für junge Fahrerinnen sein.“ Sie sieht sich nicht nur als Athletin, sondern als Mentorin, als jemand, der den Weg bereitet für die nächste Generation. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel zu ihrer anhaltenden Begeisterung. „Ich mache den Sport jetzt schon seit 18 Jahren und das Besondere am Trial ist, dass es nie langweilig wird. Es gibt immer Bereiche, in denen man sich verbessern kann.“ Trial ist eben kein gewöhnlicher Sport und Nina Reichenbach zeigt, was möglich ist, wenn Neugier, Disziplin und Leidenschaft zusammenkommen. Sie hat einen männerdominierten Sport mitgestaltet, Rekorde gesetzt, Entwicklungen geprägt – und ist dabei ihrem Motto treu geblieben: ausprobieren, wagen, wachsen.
Hier geht es direkt zum Beyond Sports Podcast und zur ganzen Folge: Fahrradtrial mit Nina Reichenbach.