Vincent Heller: Stuttgarter Hockeyspieler in den USA

Vincent Heller ist eigentlich Stammspieler des Zweitliga-Hockeyteams des HTC Stuttgarter Kickers. Dank seiner doppelten Staatsbürgerschaft – sein Vater wurde in den USA geboren – tritt der Stuttgarter seit geraumer Zeit aber auch im Trikot der US-amerikanischen Nationalmannschaft an. Da Feldhockey in den Vereinigten Staaten eher ein Frauensport ist, gibt es nur eine überschaubare Anzahl an guten Spielern. 2017 war das US-Team auf Europatour und machte Halt in Ludwigsburg. Diese Gelegenheit nutzte Vincent Heller, um den Nationaltrainer anzusprechen, der ihn daraufhin zu einer Sichtung einlud. Die Nominierung für das U21-Team folgte auf dem Fuße. Inzwischen ist er eine feste Größe in der US-Nationalmannschaft und hat schon weit über 20 Länderspiele bestritten. Erklärtes Ziel des Teams: die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Jetzt hat sich Vincent Heller nach Abschluss seiner Masterarbeit auf den Weg in die USA gemacht, wo er in Charlotte, North Carolina, ein intensives Trainingsprogramm mit den US-Boys aufgenommen hat. In diesem Gastbeitrag berichtet er über Training und Leben an einer amerikanischen Universität:

Autor:Ralf Scherlinzky

16. Dezember 2025

Ich bin seit Anfang November auf dem Olympiastützpunkt („United States Performance Center“) in Charlotte, North Carolina, USA. Die Anlage befindet sich auf dem Campus der University of North Carolina Charlotte (UNC).

Wie man es aus den Filmen kennt, ist das Größenverhältnis hier surreal. Der Campus ist wie eine kleine Stadt mit eigenen Straßen, vielen Sportplätzen, einem Park und vielen Gebäuden für Studentenwohnheime, Vorlesungssäle, Parkhäuser, Bücherei, Mensa, einem riesigen Fitnessstudio für die Studenten (und einem kleineren für die Athleten) und sogar einem Hilton Hotel. Es gibt einen separaten Kunstrasenplatz, der ausschließlich für die amerikanische Nationalmannschaft gedacht ist, hier trainieren sowohl die Herren als auch die Damen. Für die Sportmannschaften der Uni gibt es etliche Tennisplätze, Baseballplätze, Fußballplätze und natürlich das obligatorische Footballstadion.

Da ich erstmal nur vorübergehend hier bin, wohne ich übergangsweise bei Mitspielern auf der Couch. Fast alle Spieler wohnen zusammen in 3er- oder 4er-WGs. Mein Tagesablauf sieht wie folgt aus: Um 5 Uhr klingelt der Wecker. Ich mache mir ein kleines Frühstück und ziehe mich an, um kurz vor 6 Uhr ist Abfahrt zum Platz. Um 6:15 Uhr ist Treffpunkt und jeder Spieler bereitet sich auf das kommende Training vor.

Es gibt Bänder, Rollen, Bälle – alles, was man so braucht, um sich schon mal individuell aufzuwärmen und die Muskeln zu aktivieren. Verletzungsprävention ist hier extrem wichtig und wird sehr ernst genommen. Um kurz vor 7 Uhr geht dann das gemeinsame Aufwärmprogramm los mit einlaufen, dehnen, Steigerungsläufen und Sprints. Jeder Spieler trägt ein GPS & Pulsmessgerät, sodass täglich Leistung gemessen und verglichen werden kann. Das fängt damit an, dass jeder Spieler beim Aufwärmen 80 Prozent seiner Maximalgeschwindigkeit erreicht haben muss – ansonsten werden so lange Steigerungsläufe gemacht, bis jeder seine 80% erreicht.

Hockeytraining geht von 7 bis 9 Uhr, dann kommen die Damennationalmannschaft und die Athletiktrainer. Zwischen 9 und 10 Uhr machen alle gemeinsam Konditraining. Alle Spieler:innen laufen dieselben Intervalle, aber jeder Spieler bekommt individuell eine Distanz vorgegeben, sodass sie dem jeweiligen Fitnesslevel entspricht. Im Anschluss ist von 10 bis 11:30 Uhr Krafttraining im Fitnessstudio. Hier dürfen nur Nationalspieler trainieren – es sind nämlich neben Feldhockey auch die Sportarten Rugby, Judo, Taekwondo und Bobfahren vertreten.

US-Nationalspieler aus der Landeshauptstadt: Vincent Heller vom HTC Stuttgarter Kickers in Charlotte, NC.

Eines von Vincent Hellers (rechts) Karrierehighlights: Im Testspiel gegen Deutschland 2021 erzielte er den einzigen Treffer für Team USA. Foto: Dirk Markgraf

Jeder Athlet hat eine App auf dem Handy, in der das eigene, individuell zugeschnittene Kraftprogramm zu finden ist. Dieses wird jede Woche von den Athletiktrainern angepasst, je nach Leistung, eventueller Verletzung(-sprävention) und abhängig davon, wann der nächste Wettkampf ansteht. Kurz vor einem Turnier wird natürlich anders trainiert als nach einem Turnier.

Zum Schluss kann jeder Athlet optional noch zu den Physiotherapeuten, falls Behandlung benötigt wird. Im Behandlungsraum gibt es außerdem Massagepistolen, Normatech Hosen, Wärmepads, Blackrolls und alles, was man für die Regeneration gebrauchen könnte.

Gegen Mittag ist der Tag also geschafft und jeder kann zur Arbeit gehen. Ein Gehalt bekommt man als Hockeyspieler trotz des intensiven Zeitanspruchs leider nicht. Und einen richtigen Job findet man nur schwer, wenn man immer erst ab 12 Uhr arbeiten kann…

Die meisten Spieler geben also Nachhilfe, private Hockeystunden für motivierte Kinder, oder sie haben einen Teilzeitjob bei einem der Sponsoren. Man nimmt eben, was man bekommt. Um 21 Uhr geht es dann ins Bett, damit man genug Schlaf für den nächsten Tag hat. Das ganze wiederholt sich Montag bis Freitag, die Wochenenden sind frei.

Alle haben Olympia 2028 vor Augen, jeder ist bereit, seine berufliche Karriere zu verzögern und diese Opfer auf sich zu nehmen. Es ist surreal, denn alles, was den Sport angeht ist hier hochprofessionell.

Sobald man aber den Platz verlässt, muss man schauen, wo man bleibt. Ich bin einfach extrem dankbar, hier sein zu dürfen und das alles miterleben zu können. Als Kind habe ich schon immer von einem professionellen Umfeld geträumt mit Mitspielern, die alles fürs Hockey geben und den Sport genau so lieben wie ich.

Zu allgemeinen Erlebnissen:

Ohne Auto ist man hier zu Hause eingesperrt. Charlotte ist so ausgelegt, dass man vom Auto abhängig ist. Es gibt selten Gehwege, man kann also nicht spazieren oder mit dem Fahrrad einkaufen gehen, selbst wenn man wollte.

Wir wohnen nördlich, weit außerhalb der Innenstadt, in Nähe der Uni. Hier gibt es weit und breit keine Fußgängerzonen, Restaurants oder Cafés, die man durchstöbern könnte. Alles wird mit dem Auto angefahren. Bus und Bahn sind natürlich auch nicht vorhanden. Für mich als Stuttgarter, der überall mit Bus, Bahn und Fahrrad hinkommt, natürlich ein kleiner Kulturschock. Benzin ist zwar sehr billig, ca. 75 Cent pro Liter, aber man braucht eben ein Auto – ohne Auto kann man hier nicht leben.

Das Wetter ist super, es ist morgens zwar immer relativ frisch (2 bis 6 Grad), aber mittags wärmt es auf 20 Grad auf und die Sonne scheint fast immer. Lebensmittel sind umso teurer. Es gibt fast keinen preislichen Unterschied, ob man selber einkauft und kocht, oder ob man essen geht. Die Supermärkte sind natürlich riesig, von der Größe eher mit deutschen Baumärkten zu vergleichen.

Viele Grüße in die Heimat, euer Vincent!

„Team Yellow“ mit Vincent Heller (rechts) nach erfolgreichem Trainingsmatch.